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Ressourcen · Weiterdenken

Geistlicher Impuls

Unsere Impulse greifen einzelne Fragen zu Bibel, Glauben und dem Leben mit Gott auf. Sie laden dazu ein, Gewohntes zu hinterfragen, unterschiedliche Sichtweisen sorgfältig zu prüfen und beim theologischen Nachdenken mit Gott selbst zu rechnen. Sie wollen zum Weiterdenken anregen, ohne auf jede Frage eine abschließende Antwort geben zu müssen.

Dabei verstehen wir Theologie und eine persönliche Beziehung zu Gott nicht als Gegensätze: Wir möchten die Bibel sorgfältig verstehen und zugleich offen dafür bleiben, dass Gott selbst durch Seinen Geist zu uns spricht und unser Verständnis verändert.

Das Reich Gottes und die Gewalt

Dr. Martin Hiller ·

Text © 2026 Europe for Jesus e.V. · Dieser Beitrag steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Was hat das Reich Gottes mit Gewalt zu tun? Ist jede Bibelstelle eindeutig auslegbar – und wie können wir schwierige Texte verantwortlich verstehen?

KI-generierte Illustration zum Reich Gottes und zur Frage nach Gewalt
KI-generierte Illustration

Das Reich Gottes ist die gute Herrschaft Gottes, die in Jesus Christus sichtbar in die Welt gekommen ist. Schon im Alten Testament wird Gott als König über Schöpfung, Geschichte und Völker bezeugt. Dennoch begehrte Israel menschliche Könige, die meistens nicht nach Gottes Willen regierten. Zugleich wuchs die Hoffnung, dass Gottes Herrschaft Frieden, Gerechtigkeit und Heil sichtbar bringen würde. Mit Jesus beginnt diese Verheißung sich zu erfüllen: Er verkündigt das Reich Gottes, heilt Kranke, befreit Gebundene, vergibt Sünden und ruft Menschen in die Nachfolge. Doch dieses Reich kommt nicht wie menschliche Reiche durch Zwang, politische Macht oder religiöse Gewalt (Joh 18,36), sondern durch den gekreuzigten und auferstandenen König. Jesu Opfer befreit Menschen aus der Finsternis und versetzt sie in Sein Reich (Kol 1,13f). Leid, Tod und Krankheit wirken noch, doch durch Kreuz und Auferstehung hat Jesus über sie gesiegt und wird sie überwinden (Joh 16,33; Offb 21,4).

In Mt 11,11f spricht Jesus auf ungewöhnliche Weise über dieses Reich. Johannes der Täufer hatte aus dem Gefängnis seine Jünger fragen lassen, ob Jesus der Messias sei (Mt 11,2f). Jesus verweist auf Seine Werke (Mt 11,4–6), in denen messianische Ankündigungen anklingen (Jes 35,5f; 61,1). Danach rückt Er die Vorstellungen der Zuhörer über Johannes zurecht: Johannes ist weder wankelmütig und leicht beeinflussbar (Mt 11,7) noch ein höfischer Würdenträger (Mt 11,8), sondern Prophet, Wegbereiter des Messias und der angekündigte Elia (Mt 11,9f.14f). Elias Rückkehr sollte die Menschen zur Umkehr führen, damit Gott das Land nicht vernichten müsse (Mal 3,23f). Doch diese Generation lehnt Johannes wie Jesus ab (Mt 11,16–19), und die Menschen in den Städten kehren trotz Jesu Machttaten nicht um (Mt 11,20–23). Darauf folgt die Ankündigung des Gerichts (Mt 11,24). Glauben heißt also nicht bloß religiöse Zugehörigkeit (Mt 3,9; Röm 2,28f), sondern Gott erkennen (Joh 17,3), Seine Herrschaft anerkennen (Ps 2,11f; Lk 6,46) und Seinen Willen tun (Mt 7,21; Jak 1,22).

In Mt 11,11 erklärt Jesus, vor Johannes sei kein Mensch größer gewesen, aber der Kleinste im Reich sei größer als er. Die Aussage bleibt ungewöhnlich, wenn man "Reich Gottes" lediglich als "im Himmel" oder "in den Himmel kommen" versteht. Gesetz und Propheten reichen bis zu Johannes (Mt 11,13). Johannes gehört noch zum alten Bund und bereitet den neuen vor, tut aber selbst kein Reich-Gottes-Zeichen (Joh 10,41). Da der neue Bund dem alten überlegen ist, ist selbst der Kleinste im neuen Bund und in Gottes Reich größer als der Größte im alten Bund.

Der unmittelbar folgende Vers (Mt 11,12) ist sprachlich und exegetisch noch erheblich schwieriger. Ältere Übersetzungen sprechen davon, dass das Reich Gottes Gewalt erleidet (griechisch biazetai) und Gewalttätige (biastai) es an sich reißen (dafür steht das Verb harpazō). Neuere Übersetzungen geben diese drei griechischen Wörter zum Teil anders wieder. Biazetai und biastai gehören zusammen: Das eine ist ein Verb, das andere bezeichnet entsprechend handelnde Menschen. Biazetai kann zudem passiv – dem Reich geschieht etwas – oder medial beziehungsweise intransitiv – das Reich wirkt oder setzt sich machtvoll durch – verstanden werden. Die griechische Doppeldeutigkeit lässt sich nicht mit einer einzigen deutschen Formulierung wiedergeben. Deutsche Möglichkeiten sind:

  1. "Das Reich wird von Gegnern bedrängt, und Gewalttäter greifen es an." Dafür spricht, dass harpazō häufig ein gewaltsames Wegnehmen bezeichnet: Der Böse raubt den Samen (Mt 13,19), der Wolf reißt Schafe, und niemand kann Jesu Schafe aus Gottes Hand reißen (Joh 10,12.28f). Der Kontext passt, weil Johannes im Gefängnis sitzt und Menschen sich Gottes Herrschaft widersetzen. Schwierig bleibt, dass weder Menschen noch der Teufel Gottes Herrschaft übernehmen oder letztlich verhindern können.
  2. "Menschen drängen entschlossen in das Reich hinein." Dafür spricht die Parallelstelle, nach der alle hineindrängen (Lk 16,16). Johannes hat durch seinen Umkehrruf eine Bewegung ausgelöst, die auf das Reich vorbereitet. Schwierig ist, dass der Widerstand gegen Johannes und Jesus dann zu wenig betont wird.
  3. "Das Reich Gottes bricht machtvoll an, und Entschlossene greifen danach." Diese Lesart knüpft an alttestamentliche Texte an, in denen die hebräische Wurzel p-r-ṣ Bilder vom Durchbruch, von Königsherrschaft und von Davids Sieg über Feinde prägt (2Sam 5,20; 1Chr 14,11; Mi 2,12f). Auch Jesu Taten im Kontext zeigen die Machtwirkungen des Reiches (Mt 12,28). Schwierig ist, dass die damalige griechische Übersetzung (Septuaginta) p-r-ṣ mit anderen Begriffen wiedergibt.
  4. "Das Reich kommt machtvoll und ruft zugleich gewaltsamen Widerstand hervor." Diese Verbindung der ersten und dritten Deutung passt am besten zum Kontext. Sie erklärt sowohl die machtvolle Gegenwart des Reiches in Jesus als auch die Ablehnung von Johannes und Jesus. Neben den genannten Schwierigkeiten kommt aber hinzu, dass die verwandten Wörter dabei einmal positiv (biazetai) und einmal negativ (biastai) verstanden werden müssen.

Bevor man sich auf eine Deutung festlegt, sind zwei Fragen wichtig. Wäre die Mehrdeutigkeit sprachlich vermeidbar gewesen? Ja, Jesus beziehungsweise Matthäus hätten eindeutiger formulieren können. Die Unschärfe könnte also gewollt sein. Wäre sie auch möglich, wenn Jesus hebräisch oder aramäisch gesprochen hätte? Ebenfalls ja. Neben p-r-ṣ kann auch g-z-l gewaltsames Nehmen bezeichnen (Mi 2,2). Im Aramäischen wäre eine ähnliche Mehrdeutigkeit ebenfalls möglich, wenn auch weniger glatt als im Griechischen. Jede Übersetzung enthält daher Auslegungsentscheidungen und kann nicht immer alle Möglichkeiten des Ausgangstextes wiedergeben. Mt 11,12 ist ein Beispiel dafür, wie sorgfältig schwierige Bibeltexte ausgelegt werden müssen.

Problematisch ist die Annahme, der eigene Verstand und eine Übersetzung reichten aus, um jeden Bibeltext allein angemessen zu verstehen (Spr 3,5.7). Ebenso falsch sind ungeprüftes Übernehmen fremder Lehre oder vorschnelle Ablehnung ohne ausreichende Kenntnis. Nicht alle Christen sind Lehrer (1Kor 12,29). Jeder soll Lehre geistlich prüfen (1Thess 5,21): betend (Ps 119,18), hörend auf den Geist, der Geistliches offenbart (1Kor 2,10–15) und Herzen erleuchtet (Eph 1,17f), anhand der Schrift (Apg 17,11), mithilfe von Übersetzungen, Sprachkenntnissen und digitalen Hilfen sowie bewährten Lehrern (Eph 4,11–14). Lehrer tragen Verantwortung und werden strenger beurteilt (Jak 3,1). Gute Lehre darf nie auf einem isolierten Vers stehen. Dabei kann ein Vers mehrere von Gott beabsichtigte wahre Bedeutungen haben (Gen 2,24 & Eph 5,31f; Hos 11,1 & Mt 2,15).

Wie ist es also mit Gottes Reich und der Gewalt? Mt 11,12 kann so verstanden werden, dass Gottes Reich machtvoll hereinbricht. Das zeigen Jesu Taten und die Vollmacht, die Er Seinen Jüngern gibt (Mt 4,23f; Lk 10,17–19; Apg 10,38); niemand kann Gottes Vorhaben aufhalten (Hi 42,2; Jes 14,27). Durch den Heiligen Geist wirst Du neu geboren und gelangst in Gottes Reich (Joh 3,3.5). Gott versetzt Dich in das Reich Seines Sohnes (Kol 1,13). Du erfährst darin die Wirkungen des Heiligen Geistes (Joh 7,38f; Rö 14,17; Eph 2,18.22), lebst aber vielleicht nicht immer bewusst unter Gottes Herrschaft. Darum bete für das Kommen Seines Reiches, suche es zuerst und handle entschlossen in Seinem Auftrag (Mt 6,10.33; 28,18–20; Lk 9,1f; 10,8f). Rechne mit dem Hass der Welt (Joh 15,18–20), mit Widerstand aus den eigenen Reihen (Apg 20,29f) und mit Verfolgung (2Tim 3,12). Höre dennoch, wo Gott Dich beauftragt, Sein Reich anzukündigen, und handle entschlossen in Seiner Kraft.